Waidhofner Kammerorchester - Sommerkonzert 2010
Ehre, wem Ehre gebührt!
Das Waidhofner Kammerorchester ehrt zwei verdiente Persönlichkeiten und begeistert mit einem erlesenen Programm:
So könnte man die Botschaft des Sommerkonzertes Sonntag, den 27.Juni 2010 um 11 Uhr im Schlosscenter zusammenfassen.
Der Erste Konzertmeister der Wiener Philharmoniker und des Staatsopernorchesters, Prof.Rainer Küchl, feiert auf seine Weise mit dem Waidhofner Kammerorchester seinen bevorstehenden runden Geburtstag. Viele von uns kennen den außergewöhnlichen Werdegang des am 25.August 1950 geborenen Waidhofners. Wir erinnern uns an den Beginn seiner künstlerischen Laufbahn, an den ersten Unterricht bei Prof. Franz Stepanek, an sein Studium bei Prof.Samohyl, seine Berufung zum Konzertmeister der Wiener Philharmoniker in ganz jungen Jahren, seine Erfolge in aller Welt und seine zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen.
Seit dem Auftritt mit Felix Mendelssohns Violinkonzert in e- Moll, op.64, im Alter von 14 Jahren damals in der HAK- Turnhalle und seit den regelmäßigen Gastspielen des Küchl-Quartetts begleiten die Waidhofner Musikfreunde diese bemerkenswerte Karriere.
Der Jubilar stellte sich auch mit zwei Kostbarkeiten ein. Ludwig van Beethovens Romanzen für Violine und Orchester in G-Dur (op.40) und in F-Dur (op.50) waren gleich eine ausgezeichnete Gelegenheit, seine Stradivari aufleuchten zu lassen.
Wie sinnvoll es ist, beide Kleinodien gegenüberstellen zu lassen, bestätigt sich ganz unvermittelt. Die Romanze in G mit ihrem selbstbewussten Anspruch, der vom begleitenden Orchester gleichsam bestätigt wird und mit einem Impuls des optimistischen Ausblicks schließt, kontrastiert ganz augenscheinlich mit dem empfindungsreichen, gleichsam femininen Melodien der F-Dur Romanze, die sich traumverloren verhaucht.
Das Konzert wird vom Obmann des Waidhofner Kammerorchesters unterbrochen. Dr. Raimund Tremetsberger kündet die Verleihung einer der höchsten Auszeichnungen an, die das Orchester zu vergeben hat, nämlich die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an den Kulturpublizisten und Kritiker Hubert Bauernhauser, der sich um das Orchester große Verdienste erworben hat und in diesen Tagen seinen 80.Geburtstag begeht.
In seiner Laudatio würdigt der Dirigent und musikalische Weggefährte Wolfgang Sobotka den Geehrten anhand seines Werdeganges, vor allem wegen seines Wirkens als Lehrer, ehemaliges Orchestermitglied, begeisterter Kammermusiker, Berichterstatter und Interviewer somit auch Förderer der regionalen Kulturszene. Er bezieht in den Dank auch die Frau des Geehrten ein und überreicht die Urkunde über die Ehrenmitgliedschaft des Waidhofner Kammerorchesters an Hubert Bauernhauser. Dieser Kulturpreisträger begleitet seit Jahren, ja Jahrzehnten die Auftritte des heimischen Orchesters und vieler anderer Botschafter und Ensembles der klassischen Musik mit seinen treffenden Rezensionen und Kommentaren. Dabei ist er besonders professionell, was die Sprache und die stilistische Wortgewalt in der Wahrnehmung und Kommentierung des Geschehens betrifft. Mit dem herkömmlichen Kritikerbegriff des Verrisses kann er dagegen wenig anfangen. Ihm geht es um Zuwendung, Anerkennung, Aufmunterung eines Klangkörpers, dessen Begeisterungsfähigkeit und Engagement vom Dirigenten bis zum jüngsten Mitglied, dessen Streben nach möglichst beachtlicher Annäherung an berühmte Vorbilder er besonders schätzt. Diese jahrelange Treue und journalistische Begleitung wurde jetzt mit dieser ehrenvollen Geste zum Ausdruck gebracht. In einer launigen Replik bedankte sich der Geehrte, verwies auf seine zahlreichen Kulturbeiträge und auch darauf, dass der Laudator - trotz seines feinen Gehörs - nichts davon hören will, wenn der Jubilar vom Aufhören spricht.
Aber der Ehre nicht genug. Obmann Dr.Tremetsberger schloss eine weitere Ehrung an und beglückwünschte Prof.Rainer Küchl zu seinem bevorstehenden Geburtstag, diesen global player der Musik, der dem Kammerorchester und der Stadt nicht nur Ehre eingelegt, sondern auch immer seine Treue bewiesen hat. Wolfgang Sobotka schloss sich den Wünschen an und überreichte Küchl einen Merian-Stich über Waidhofen als Zeichen der Dankbarkeit und Verbundenheit. Der Geehrte würdigte in seinen Dankesworten die Stadt mit ihren vielfachen kulturellen Aktivitäten und betonte, dass viele größere Kommunen Waidhofen ob dieses Klangkörpers Kammerorchester beneiden müssten. Dann ließ er die Musik sprechen.
Im Konzert für Violine und Orchester in D-Dur,op.77, von Johannes Brahms, uraufgeführt 1879 in Leipzig, waren dann nicht nur emotionale Hingabe und Ausdruck gefragt, sondern auch volle und totale Virtuosität, gilt doch unter den Fachleuten gerade dieses Konzert zu den schwierigsten und bedeutendsten Violinkonzerten überhaupt. Interessant schon, wie die intensivierte Bewegung im Orchester die Läufe der Geigen, die impulsgebende Steigerung der Holzbläser in der Spannung verminderter Terzen den Einsatz des Solisten vorbereitet ,der mit großzügig ausladenden Figuren das Hauptthema in sphärische Höhen treibt. In diesen gleichsam unerreichbaren Höhen agierte der Solist nicht nur in der Kadenz, sondern auch in den anderen spektakulären Herausforderungen des Stücks an das Instrument mit souveräner Bravour.
Im Adagio hat die Solovioline Gelegenheit, nach der verträumten Oboe und friedvollen Streicherklängen zu entschweben und über der Dichte des mitunter drängenden Orchesters kantable Motivgänge zu entfalten. Rainer Küchl zelebrierte es mit emotionaler Hingabe und Innigkeit.
Im dritten Satz des Allegro giocoso wird im Rondo ein ungarisches Thema ausgebreitet, begleitet von den Sechzehnteltriolen der Streicher und Gelegenheit für Rainer Küchl, sein stupendes Können erneut unter Beweis zu stellen.
Dabei hat der Dirigent Wolfgang Sobotka seine Aufgabe besonders gewissenhaft wahrgenommen, das Orchester so zu sensibilisieren, dem Solisten in Flexibilität zu assistieren, behutsam die Pianissimi zu setzen, um der Kantabilität und der Virtuosität Raum zu geben für die prachtvolle Entfaltung aller Intentionen des Komponisten.
Wieder wurde das Konzert unterbrochen, denn auch Bürgermeister Mag. Wolfgang Mair stellte sich mit einem Geschenkkorb und mit einer launigen Rede ein, betonte die gemeinsame Schul- und Jugendzeit und dankte Rainer Küchl, der als bedeutender Sohn der Stadt immer seine Verbundenheit mit der Heimat zeige.
Mit einer berührenden Zugabe, nämlich der Sarabande in d-Moll von Johann Sebastian Bach, erwiderte Rainer Küchl auf seine Art die ehrenden Worte, Gesten und Gaben.
Nach der Pause stand die 4.Sinfonie von Johannes Brahms in e-Moll, op. 98 auf dem Programm. In Mürzzuschlag entstanden, in Meinigen 1885 uraufgeführt, folgt sie dem Vorbild Beethovens. Dabei zeigte Rainer Küchl seine Verbundenheit mit den heimischen Musikern, indem er sich wieder ans Pult setzte, denn es gab für das Orchester und seinen Dirigenten ausreichend Gelegenheit, das hohe Niveau seiner Interpretationsmöglichkeit nachzuweisen. Motivationskünstler Sobotka verordnet ein lucides Allegro non troppo und sorgte nicht nur für die Ausgewogenheit des Themas, sondern nach dem erregenden Grabeshauch eines Pianissimo für den kraftvollen und wuchtigen Ausklang des 1.Satzes.
Sinnend, träumend, wissend kündet das Horn im Andante moderato in E-Dur von vergangenen Tagen und mündet in der von Geigen umspielten Kantilene der Violoncelli, ein Zeichen für die Empfindsamkeit.
Mit dem verschlagenen Scherzo des 3.Allegro giocoso und dem Poco meno Presto stürmt das Werk in Heiterkeit voran, während nach Anklängen an Bach in den Variationen des 4.Satzes sich das Ensemble anhand einer barocken Chaconne ins grande finale steigert, getragen vom immer wiederkehrenden Cantus firmus. Wenn sich Brahms in der Entstehungszeit dieser Symphonie mit Sophokles befasst hat, so verstehen wir, dass hier Fragen von Leben und Tod und Schicksal in dieser Komposition verwoben sind.
Was hier von den einzelnen Stimmgruppen geleistet worden ist, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Handelt es sich doch bei der Interpretation dieser äußerst anspruchsvollen Sinfonie um einen Meilenstein in der Entwicklung des Ensembles. Intensive Probentätigkeit, energische, totale Hingabe der Zeichengebung und ein sensibles Nachspüren der Partitur brachte schließlich auch für das Orchester und seinen Dirigenten Wolfgang Sobotka eine der reifsten Leistungen der letzten Zeit, die verdiente Anerkennung und Bewunderung.
Das Publikum quittierte diese Sternstunde mit reichem Beifall, mit Begeisterung, Jubel und Dankbarkeit.
© Text: Matthias Settele; Bilder: Leo Lugmayr